Wiener und Räder: Wir brauchen einen Systemwechsel, aber „fürchtet euch nicht“

Kochen mit Sarah Wiener und Günter Räder: Gemüsesuppe, Politik und Überraschendes zum Thema Ernährung

Eigentlich will Sarah Wiener entweder kochen oder reden – „beides zu verbinden, wäre ziemlich unfair den Dingen gegenüber.“ In Eisenberg-Zell hat sie dann aber doch beides gleichzeitig getan. Und in diesem Fall passte es sehr gut zur Botschaft: Alles hängt zusammen. Mit ihrem „Kochlehrling“, unserem Landratskandidat Günter Räder, bot Wiener den Gästen des Grünen Kochabends neben Sinnesfreuden für Nase und Gaumen auch Plädoyers für einen überlegten Fleischkonsum und frische, kräuterreiche Bio-Küche sowie Streifzüge von EU-Landwirtschafts- über Kommunalpolitik bis in die Darmflora.

„Der Lehrling darf immer Zwiebeln und Knoblauch schneiden“, freute sich Sarah Wiener über ihren Koch-Helfer Günter Räder. Gemüsesuppe stand auf dem Plan und so schnipselte der Landratskandidat gleich los. Bei Grippewellen und in Zeiten des Corona-Virus kommen bei Wiener mehr Zwiebeln, Knoblauch und auch Kurkuma in den Topf. „Diese Zutaten wirken antibakteriell“, erklärte sie und legte sich Karotten aufs Schneidebrett.

Zwar ist Günter Räder im Kochen eher Anfänger, dennoch haben er und Sarah Wiener einiges gemeinsam. Beide setzen sich leidenschaftlich für Bio-Lebensmittel und naturnahe Landwirtschaft ein. Räder ist promovierter Agraringenieur, landwirtschaftlicher Erzeuger-Berater bei Bioland und Gemeinderat in Obergünzburg.

Wiener, die über die ARD-Doku-Soap „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ als gestrenge Mamsell Bekanntheit erlangte und mit eigenen Kochsendungen vor allem auf arte zu sehen war, betreibt neben einem Catering-Unternehmen und mehreren Restaurants auch eine Biobäckerei sowie einen Biobauernhof mit eigener Schlachtung und Fleischerei – „also ohne Transportwege.“

„Es geht um die Wurst: Bio soll sie sein“

Zur Freude der 57-jährigen Deutsch-Österreicherin konnte Günter Räder dem Publikum fachkundig erklären, was es mit der dort praktizierten „Warmschlachtung“ auf sich hat: Die Wurst, die direkt aus dem noch warmen Fleisch entsteht, kommt ohne die Zusatzstoffe Phosphat und Citrat aus und „hat einen volleren Geschmack und schöneren Glanz“, so Räder, der bereits in vergangenen Wahlkämpfen die Bio-Wurst zum Thema gemacht hatte.

Die Industrie brauche die Zusätze dagegen, weil die Produktionsschritte getrennt sind. Wiener nannte einen weitere Fehlentwicklung der industriellen Fertigung: Um möglichst günstig zu produzieren zu können, „werden die Schweinedärme zur Reinigung oft extra nach China geschickt, bevor sie in Deutschland wieder weiterverarbeitet werden.“

Agrarwende muss von EU ausgehen

Was Sarah Wiener und Günter Räder noch vereint, ist natürlich die Politik. 2019 zog Wiener für die österreichischen Grünen ins EU-Parlament ein und arbeitet nun also direkt da, wo der Rahmen für die Agrarpolitik gesteckt wird. Als Landwirtschaftlicher Berater weiß Räder: „Dort geht es jetzt darum, die Landwirtschaft für die nächsten zehn bis 15 Jahre abzusichern.“ Beide setzen sich mit den Grünen auf allen politischen Wegen dafür ein, von der Großproduzenten bevorzugenden Flächenprämie wegzusteuern hin zu Leistungsprämien, die Grundwasser- und Artenschutz belohnen und der gerade auch im Ostallgäu noch gepflegten bäuerlichen Landwirtschaft den Fortbestand ermöglichen.

Dass sich viele Landwirte gerade wie die „Buh-Männer der Nation“ fühlen, kann der Landratskandidat nachvollziehen, wünscht sich aber auch mehr gemeinsame Arbeit an der Lösung der Probleme: „Viele schieben die Fragen der Verbraucher einfach weg und stellen sich den Problemen nicht. Dabei brauchen wir in der Politik konstruktive Rückmeldungen aus der Landwirtschaft, wie wir den Wandel positiv gestalten können.“

Die Ursache des Problems sieht Räder in einer jahrzehntelangen Fehlsteuerung. Stets habe man von den Landwirten Wachstum und Intensivierung abverlangt. „Jetzt sagt man ihnen, sie müssen zusätzlich auch noch andere Dinge beachten. Das führt aber dazu, dass sie im Moment betriebswirtschaftlich schlechter dastehen. Deshalb möchten wir die Förderung von Naturschutz und gesellschaftlichen Leistungen.“

„Tiere rettet man nicht, indem man sie nicht isst“

Hoch her ging es beim Thema Tierschutz: „Verstöße müssen wesentlich stärker geahndet werden!“, forderte Räder. In den Fällen in Dietmannsried und Bad Grönenbach war nicht die Betriebsgröße ausschlaggebend, sondern die Haltung der Landwirte, die sich nicht ausreichend gekümmert haben. Für Wiener ist teils schon die bestehende Gesetzgebung Tierquälerei: „Wenn man gesunde Tiere amputiert oder mit Antibiotika flutet, um sie an einen Stall anzupassen. Wenn man noch nicht abgestillte Kälber durch die halbe Welt schickt und schwangereren Muttersauen noch nicht einmal den Platz zugesteht, die Haxerln auszustrecken!“, zählte sie Missstände auf und konstatierte ein gesellschaftliches Ethikproblem.

„Aber wenn Sie das Fleisch nicht essen, dann essen’s die Chinesen, die warten drauf. Oder wir lagern die Produktion in die Ukraine aus, wo es gar keine Standards gibt“, sprach die Politikerin die Veganer und Vegetarier an. Nicht der benachbarte Bauer, sondern die globale Nahrungsindustrie sei anzuprangern: „Wir können nicht die Tiere abschaffen, weil wir so dekadent sind, die ganze Welt importieren zu können.“

Auch zum Thema Klima und Kuh äußerte sich die Essens-Expertin. Diese sei kein Klimakiller, wenn sie nicht mit Soja und Genmais gefüttert werde. Im Gegenteil: „Das richtige Weidemanagement lässt das Gras wachsen, das mehr CO2 absorbiert.“ Wiener forderte einen kompletten Systemwechsel, „ in dem wir uns ganz anders mit unseren Mitgeschöpfen verbinden.“

Gesundes Essen für gute Genesung

Besonders stolz war die Unternehmerin deshalb auf die Sarah-Wiener-Stiftung, die Pädagogen weiterbildet, um zu zeigen, wie man Kindern ab drei Jahren das Kochen beibringen kann. Für Wiener ist klar: Kochen muss man lernen, damit es schmeckt. Und wer das Kochen schon von klein auf lernt, kann mit guter Ernährung viel für die Gesundheit tun. Anschaulich klärte Wiener ein gängiges Missverständnis beim Kochen auf. Nicht in den Blättern der Pflanzen stecken die wirksamsten Nährstoffe, sondern oft im Strunk und in den Stängeln – sofern ökologisch angebaut. Auch diese kann man einfach und lecker verarbeiten:

„Den Blumenkohl-Strunk schneide ich zum Beispiel in kleine Scheiben, reibe ihn mit Knoblauch ein, geb’ ein gutes Öl, einen Spritzer Zitrone und Sesam darüber.“

Für Räder ist gesunde und regionale Ernährung auch ein konkretes Thema auf der politischen Ebene des Landreises und der Gemeinden. Er plädiert zum Beispiel dafür, dass in den Küchen in den kommunalen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten oder Kliniken wieder vor Ort gekocht wird, statt in einer Zentrale. Völlig falsch findet Räder ein zu diesem Thema häufig vorgebrachtes Argument, dass Krankenhaus-Aufenthalte in der Regel kurz dauerten und daher das Essen auch nicht besonders gut sein müsse.

„Schwerstverarbeitete Lebensmittel verarmen das Mikrobiom“

Ein Indiz, dass womöglich gar das Gegenteil der Fall ist, zeigte Wiener mit einem Exkurs in die Biologie. Genauso wie Pestizide die Artenvielfalt in der Natur zerstörten, zerstörten hochverarbeitete Nahrungsmittel samt Zusatzstoffe die Artenvielfalt im Menschen: das Mikrobiom im Darm.

Wir Menschen haben unendlich viele Bakterien- und Virenarten und kommunizieren mit ihnen, was Einfluss auf Hormone bis hin zum Gehirn hat. „Heute haben wir nur noch die Hälfte der Bakterienfamilien im Vergleich zu bestimmten Naturvölkern“, erklärte Wiener. Darin sieht sie die Ursache für neue Krankheitserscheinungen wie Krebs mit 25 Jahren, Altersdiabetes bei Sechsjährigen, Bluthochdruck bei 25-Jährigen. „Seit 30 Jahren ist die Spermienzahl der Männer um die Hälfte gesunken“, ergänzte die Köchin.

Vielfalt, Mut und Zuversicht – mit Tomaten aus Eigenanbau

Eine weiteres Beispiel für großen Artenverlust sei auch die Tomate, von deren Sortenvielfalt bis zu 95 Prozent aus den Läden verschwunden sei.

„Kauft’s euch nachbaufähige, samenfeste Gemüsesamen, ihr werdet belohnt werden mit einem göttlichen Geschmack und viel Spaß!“

Viele würden noch nicht verstehen, dass die Ernährung die Grundlage für alles andere ist. Dass sich mehr tut, sollten die Grünen allerdings nicht nur die Probleme der gegenwärtigen Nahrungserzeugung benennen, sondern auch mitsamt möglicher Alternativen die Botschaft verbreiten: „Fürchtet euch nicht!“

Dem Satz, den man auch 364 Mal in der Bibel lesen kann, schloss sich Günter Räder an. Es tue sich bereits etwas in den Köpfen und mehr und mehr Menschen seien zuversichtlich, dass eine echte Agrarwende möglich ist, stellt Räder fest: „Wichtig ist aber auch, dafür die richtige Partei zu wählen!“

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